Rundung und Rückbeuge: Wie Gegensätze die Wirbelsäule beweglich und entspannt halten
Eine gesunde Wirbelsäule braucht beides: Flexion (Rundung) und Extension (Rückbeuge).
Nicht als Extreme, sondern als fein abgestimmtes Zusammenspiel. Viele Beschwerden im Rücken entstehen durch das Verlieren der Übergänge zwischen diesen Bewegungsrichtungen. Die Wirbelsäule ist eine dreidimensional bewegliche Struktur, die auf Wechsel, Druckverteilung und neuronische Regulation angewiesen ist.
Rundung (Flexion): Entlastung, Regulation und Wahrnehmung
Biomechanische Aspekte der Rundung der Wirbelsäule:
- entlastet die Facettengelenke
- verteilt Druck gleichmäßiger über die Bandscheiben
- aktiviert die tiefe Bauchmuskulatur reflektorisch
- wirkt regulierend auf das Nervensystem
- dehnt die Rückenmuskulatur
Besonders wichtig ist die segmentale Rundung, beginnend im Becken und sich fortsetzend über Lenden- und Brustwirbelsäule. Wird die Rundung ausschließlich im oberen Rücken erzeugt, entstehen neue Spannungsmuster statt Lösung. Atmung spielt hier eine zentrale Rolle. Eine nach hinten gerichtete Atemwahrnehmung unterstützt die Expansion des Rückenraums und reduziert muskuläre Schutzspannung, insbesondere im häufig sehr verspannten Bereich der unteren Rippen (mittlerer Rücken).
Jetzt umsetzen: Sitzende Drehung mit gezielter Rundung
- Verschränke die Hände, drehe die Handflächen nach vorne und schiebe sie auf Schulterhöhe weit von dir weg, sodass der obere Rücken leicht rund wird.
- Schiebe dabei bewusst die unteren Rippen nach hinten weg, um sie in die Rundung zu integrieren.
- Drehe dich aus dieser Position sanft nach rechts und links.
Durch die bewusste Rundung im oberen Rücken wird der Raum zwischen den Schulterblättern geweitet. Dies fördert die Mobilität der Brustwirbelsäule und verhindert, dass die Drehung ausschließlich aus der beweglicheren Lendenwirbelsäule kommt.

Rückbeuge (Extension): Länge statt Kompression
Viele Yogapraktizierende belasten bei Rückbeugen den unteren Rücken. Gesund und biomechanisch sinnvoll ist jedoch etwas anderes:
- Extension entsteht primär im oberen Rücken (Brustwirbelsäule)
- das Becken geht in relative Innenrotation statt Außenrotation durch Zusammenkneifen des Gesäßes
- Im unteren Rücken wird Länge statt Kompression angestrebt
- Bauch- und Beinmuskulatur stabilisieren die Bewegung
Eine funktionelle Rückbeuge erzeugt somit axiale Länge, nicht punktuelle Kompression.
Das Brustbein bewegt sich sanft nach vorne oben, während das Becken stabil bleibt. Entscheidend ist dabei die Kopplung von Extension und Kontrolle:
Rückbeugen ohne aktive Gegensteuerung mit Hilfe der Bauchmuskulatur führen langfristig zu Instabilität – Rückbeugen mit bewusst eingesetzter Muskelarbeit schaffen Bewegungsfreiheit.
Jetzt umsetzen: Aktive Ganzkörper-Rückbeuge
- Lege dich auf den Bauch, strecke die Arme weit vor dich aus und bringe die Stirn zum Boden.
- Drehe die Hände so, dass die Daumen nach oben zeigen und die Hände etwa schulterbreit voneinander entfernt sind.
- Hebe kontrolliert zuerst die Arme, dann die Beine und schließlich den gesamten Oberkörper an.
- Stabilisiere dabei die Wirbelsäule, indem du die Bauchmuskeln sanft anspannst.
- Der Blick geht sanft nach vorne oben.
- Konzentriere dich während der gesamten Haltung weniger auf eine maximale Höhe, sondern auf eine maximale axiale Länge deines gesamten Körpers.

Der Übergang ist wichtiger als die Haltung
Biomechanisch besonders wertvoll sind nicht die Endpositionen, sondern die Übergänge zwischen Rundung und Rückbeuge:
- vom Becken initiiert
- segmental durch die Wirbelsäule laufend
- in beide Richtungen bewusst steuerbar
Diese Übergänge trainieren:
- intersegmentale Kontrolle
- propriozeptive Wahrnehmung
- gleichmäßige Muskelaktivierung
Genau hier entsteht langfristig Schmerzfreiheit – nicht durch „perfekte“ Formen, sondern durch bewegliche Kontrolle ohne kompensatorische Bewegungsmuster.
Jetzt umsetzen: Segmentale Wirbelsäulen-Wellen
- Beginne im herabschauenden Hund mit leicht gebeugten Knien.
- Initiiere vom Becken aus eine Rundung und lasse diese wie eine Welle segmental über den mittleren bis zum oberen Rücken fließen, während du dich nach vorne in eine Plank-Position schiebst.
- Den Rückweg gestaltest du genau umgekehrt: Beginne die Rundung im oberen Rücken, gefolgt vom mittleren und schließlich vom unteren Rücken, um kontrolliert zurück in den Hund zu finden.
- Beginne im herabschauenden Hund mit leicht gebeugten Knien.
- Initiiere vom Becken aus eine Rundung und lasse diese wie eine Welle segmental über den mittleren bis zum oberen Rücken fließen, während du dich nach vorne in eine Plank-Position schiebst.
- Den Rückweg gestaltest du genau umgekehrt: Beginne die Rundung im oberen Rücken, gefolgt vom mittleren und schließlich vom unteren Rücken, um kontrolliert zurück in den Hund zu finden.
Diese Übung schult die intersegmentale Kontrolle und die propriozeptive Wahrnehmung der einzelnen Wirbelsäulenabschnitte. Da die Bewegung in beide Richtungen bewusst gesteuert werden muss, fördert sie eine gleichmäßige Muskelaktivierung und verhindert das Ausweichen in gewohnte Bewegungsmuster. Dies schafft die bewegliche Kontrolle, die essenziell für langfristige Schmerzfreiheit ist.



Hände, Arme und Schultergürtel als Verstärker
Die Wirbelsäule arbeitet nie isoliert.
Druck über Hände, Unterarme oder Fingerspitzen beeinflusst:
- die Aktivierung der Rückenstrecker
- die Organisation des Schultergürtels
- die Qualität der Wirbelsäulenbewegung
Aktive Arm- und Handarbeit schafft klare Kraftlinien, über die sich Rundung und Rückbeuge differenzierter anfühlen lassen – besonders im Vierfüßlerstand oder in der Bauchlagen.
Jetzt umsetzen: Aktive Kobra (Baby Cobra Flow)
- Liege auf dem Bauch, die Hände unter den Schultern, die Ellenbogen nah am Körper.
- Hebe den Oberkörper zunächst nur aus der Kraft der Rückenmuskeln an, ohne die Hände zu benutzen.
- Stelle sicher, dass der Fokus deiner Rückbeuge der oberer Rücken ist.
- Drücke erst dann sanft in die Hände, um die Rückbeuge im oberen Rücken zu vertiefen, während die Oberschenkel und der Bauch aktiv bleiben.

Beckenposition und Lendenwirbelsäule
Die Lendenwirbelsäule reagiert sensibel auf Beckenstellung.
Ein häufiges Problem ist das Festhalten an einer „neutralen Position“, auch wenn Bewegung gefragt wäre.
Rundung durch Beckenverkippung nach hinten ermöglicht hier:
- Entspannung insbesondere der Muskulatur im mittleren und unteren Rücken
- bessere Wahrnehmung der Beckenbewegung
Rückbeuge durch Beckenverkippung nach hinten fordert:
- aktive Kontrolle aus Bauch- und Oberschenkelmuskulatur
- klare Trennung zwischen Hüftstreckung und Wirbelsäulenextension
Das bewusste Wechselspiel verhindert, dass der untere Rücken entweder ständig festhält oder unkontrolliert ausweicht.
Jetzt umsetzen: Herabschauender Hund mit Fokus auf Beckenkippung
- Beginne im Vierfüßlerstand im bewussten Hohlkreuz.
- Hebe die Knie an und schiebe dich in den Hund, während du versuchst, das Hohlkreuz (anteriore Beckenkippung) so gut wie möglich beizubehalten.
- In einer zweiten Variante versuchst du, den unteren Rücken ganz bewusst rund zu machen (posteriore Kippung), während du dich nach oben schiebst.
Diese Übung schult die Dissoziation von Becken und Wirbelsäule. Sie hilft dir zu verstehen, wie die Position des Beckens die Spannung in den Beinrückseiten und die Form der Wirbelsäule beeinflusst.


Atem als verbindendes Element
Der Atem funktioniert als integraler Bestandteil der Wirbelsäulenbewegung. Das Zwerchfell ist nicht nur ein Atemmuskel, sondern ein Haltungsstabilisator, der durch den Wechsel von Ein- und Ausatmung die Mobilität der Rippen und damit die Flexibilität der gesamten Wirbelsäule beeinflusst.
- Einatmung unterstützt Extension und Raum
- Ausatmung erleichtert Rundung und Loslassen
Wenn Bewegung und Atem gekoppelt werden, entsteht eine rhythmische Mobilisation, die sowohl deinem physischen Körper als auch deinem zentralen Nervensystem gut tut. Besonders effektiv ist dabei die Wahrnehmung der Atembewegung an der Körperrückseite.
Jetzt umsetzen: Mentale Wechselatmung (Nadi Shodhana ohne Hände)
- Setze dich in Sukhasana aufrecht hin.
- Atme tief aus und stelle dir vor, wie du links einatmest, rechts ausatmest, rechts wieder einatmest und links ausatmest. Wiederhole dies für einige Runden.
Diese Übung schult die neurologische Achtsamkeit und hilft dem Gehirn, die Position des Körpers im Raum besser wahrzunehmen. Sie fördert die innere Ruhe und bereitet das Nervensystem auf die Bewegung vor.

Fazit: Beweglichkeit entsteht durch Wechsel, nicht durch Extreme
Eine entspannte, bewegliche Wirbelsäule entsteht nicht durch maximale Rückbeugen oder tiefe Rundungen, sondern durch:
- differenzierte Beckenbewegung
- segmentale Wirbelsäulenkontrolle
- aktives Zusammenspiel von Kraft und Loslassen
- bewusste Atemführung
Der Wechsel zwischen Rundung und Rückbeuge sorgt für ein ständiges Neuausrichtung unserer physischen und neurologischen Strukturen.
