Mehr Schultermobilität durch Drehhaltungen

Die Schulter ist eines der beweglichsten Gelenke unseres Körpers, doch im modernen Alltag – geprägt von statischem Sitzen vor Bildschirmen – verlieren wir oft diese Variabilität. In der Yogapraxis betrachten wir Schultermobilität häufig isoliert, doch die Position der Schulter ist untrennbar mit der Ausrichtung des Brustkorbs, der Wirbelsäule, des Beckens und mit der Atmung verbunden.

In diesem Artikel erfährst du, warum Drehhaltungen (Twists) eine zentrale Rolle für gesunde Schultern spielen und wie du sie gezielt einsetzen kannst.

Warum Drehen die Schultern befreit

Das Schultergelenk ist kein klassisches Kugelgelenk mit stabiler Führung. Seine Bewegungsfreiheit ist nur möglich, weil:

  • das Schulterblatt frei über den Brustkorb gleiten kann
  • die Brustwirbelsäule rotationsfähig ist
  • Rippen, Faszien und Atemmechanik elastisch reagieren

Ist die Brustwirbelsäule starr oder steckt in einem asymmetrischen Muster fest – wie dem in der Biomechanik oft beschriebenen „Right BC“-Muster (einer neuromuskulären Aktivität, bei der unsere rechte Körperhälfte dominant ist, was u.a. zu erhöhter Verspannung rechts vorne im Brustkorb führt) – kann das Schulterblatt nicht frei gleiten und die Schulter kompensiert, häufig mit Spannung, Instabilität oder Schmerzen.

Drehhaltungen verbessern daher nicht „nur“ Beweglichkeit, sondern entlasten das Schultergelenk, indem sie Bewegung wieder dorthin bringen, wo sie hingehört.

Ich habe dir eine 60-minütige Yogapraxis aufgenommen, um mit biomechanisch optimierten Drehungen deine Schultern zu entlasten:

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Die Rolle der Brustwirbelsäule und der Rippen

Die Brustwirbelsäule ist anatomisch auf Rotation ausgelegt. Ihre Gelenkflächen ermöglichen Drehbewegungen, die im Alltag jedoch kaum noch genutzt werden – vor allem bei viel Sitzen oder einseitigen Belastungen.

Biomechanisch entscheidend ist dabei die Verbindung zu den Rippen:

  • Jede Rippe ist über Gelenke mit der Wirbelsäule verbunden
  • Rippenbeweglichkeit beeinflusst direkt die Atemtiefe
  • Atmung wiederum reguliert Muskeltonus im Schulter-Nacken-Bereich

Rotationen in Kombination mit bewusster Atmung ermöglichen eine dreidimensionale Bewegung des Brustkorbs, was die Gleitfähigkeit der Schulterblätter deutlich verbessert.

Schulterblattmechanik: Stabilität durch Bewegung

Viele Schulterprobleme entstehen nicht durch zu viel Bewegung, sondern durch zu wenig differenzierte Bewegung.

Das Schulterblatt (Scapula) muss:

  • rotieren
  • kippen
  • gleiten
  • sich an den Brustkorb anpassen

Drehhaltungen aktivieren genau diese Bewegungsvielfalt. Besonders effektiv sind Positionen, in denen:

  • ein Arm stabilisierend arbeitet
  • die Gegenseite rotierend oder öffnend wirkt
  • Druck über Hände oder Unterarme gesetzt wird

Diese Kombination fördert nicht Kraft im klassischen Sinn, sondern neuromuskuläre Kontrolle.

Hände, Arme und die Verbindung zur Schulter

Die Schulter ist funktionell Teil einer Kette, die bei den Fingern beginnt.
Druck über Fingerkuppen, Handflächen oder Unterarme beeinflusst:

  • die Aktivierung der Rotatorenmanschette
  • die Position des Oberarmkopfs
  • die Spannung im Nacken

Deshalb ist aktive Handarbeit in Drehhaltungen kein Detail, sondern ein zentrales Element für sichere Schulterbewegung.

Je klarer die Information aus den Händen, desto stabiler reagiert die Schulter.

Jetzt umsetzen: Aktive Schulterrotation im Fersensitz mit Blöcken

  • Starte in einer weiten Kindhaltung (Adho Mukha Virasana) mit den Händen nach vorne geschoben auf zwei Blöcken.
  • Bringe die Blöcke in die Mitte. Eine Hand bleibt aktiv auf den Blöcken (Mittelfinger im Zwischenraum), während du den anderen Arm unter dem Körper durch fädelst oder ihn weit nach oben zum Himmel öffnest.
Erzeugt eine tiefe Dehnung im Bereich der Achselhöhle und des Schulterblatts. Die Rundung im oberen Rücken hilft dabei, den Raum zwischen Wirbelsäule und Schulterblatt zu weiten.

Rotation und Rumpfstabilität

Schultermobilität ohne Rumpfstabilität führt fast immer zu Ausweichbewegungen.
Rotationen aktivieren die schrägen Bauchmuskeln, die:

  • die Wirbelsäule schützen
  • Kraftübertragung zwischen Ober- und Unterkörper ermöglichen
  • die Schulter entlasten

Besonders wirkungsvoll sind Drehungen, bei denen sich Stabilität und Bewegung abwechseln – zum Beispiel durch:

  • Wechsel von Öffnung und Schließung
  • dynamische Übergänge
  • kontrollierte Rückführung aus der Rotation

Jetzt umsetzen: Navasana-Twist (Boot-Position)

  • Balanciere in der Boot-Position, Knie und Füße sind fest zusammen, der Rücken möglichst lang gestreckt.
  • Halte den Rücken lang und rotiere den Oberkörper abwechselnd nach links und rechts (ca. 20 Wiederholungen).

Diese Übung verbindet die Kraft der Körpermitte mit der Rotationsfähigkeit der Wirbelsäule. Ein starker Rumpf ist die biomechanische Basis für eine aufrechte Haltung und freie Schultern.

Halswirbelsäule, Kiefer und Schulterspannung

Der Schulter-Nacken-Bereich reagiert sensibel auf Spannung im Kiefer und in der oberen Halswirbelsäule. Sanfte Rotationen des Kopfes, kombiniert mit stabiler Aufrichtung der Wirbelsäule, wirken regulierend auf:

  • den Tonus der Nackenmuskulatur
  • die Position der Schulterblätter
  • die gesamte obere Faszienkette

Schultermobilität beginnt deshalb oft oberhalb der Schulter – nicht direkt im Gelenk.

Jetzt umsetzen: Sanfte Kopfrotation & Kiefer-Release Anleitung

  • Senke im aufrechten Sitz mit gekreuzten Beinen (Sukasana)
  • Führe mit dem Kopf langsame Halbkreise von Schulter zu Schulter aus, während du locker den Kiefer bewegst.
  • Verschränke danach die Hände am Hinterkopf
  • lass die Ellenbogen schwer werden und drehe den gebeugten Kopf bei aufrechter Wirbelsäule ganz langsam minimal nach links und rechts.

Reguliert den Tonus der Nackenmuskulatur und löst Spannungen in der oberen Faszienkette, indem die Verbindung zwischen Kiefer, Halswirbelsäule und Schulterblättern harmonisiert wird. 

Drehhaltungen im Vierfüßler und im Stand

Rotationen unter Last – etwa im Vierfüßlerstand, in Plank-Variationen oder im Ausfallschritt – schulen die Fähigkeit der Schulter, Kraft in Bewegung zu kontrollieren.

Biomechanisch entsteht hier:

  • bessere Gelenkzentrierung
  • effizientere Kraftübertragung
  • erhöhte Belastbarkeit

Diese Formen von Mobilität sind langfristig entscheidender als passive Dehnung.

Jetzt umsetzen: Krieger 1 Variation mit Kaktusarmen & Rotation

  • Tritt aus dem herabschauenden Hund nach vorne in einen hohen Ausfallschritt (Variation Krieger 1).
  • Bringe die Arme in eine “Kaktusposition” (Ellbogen auf Schulterhöhe, Arme im 90° Winkel gebeugt, Handflächen nach vorne orientiert).
  • Drehe den Oberkörper leicht in Richtung des vorderen Beins, drehe dich also leicht ein.
  • Schiebe in der Drehung die Arme dreimal dynamisch nach oben und ziehe die Ellbogen anschließend zurück auf Schulterhöhe. Achte dabei darauf, die Ellbogen die ganze Zeit nach hinten zu ziehen.
Kombiniert Stabilität im Unterkörper mit einer exzentrischen Dehnung und Mobilisierung des Brustkorbs, was die funktionelle Schulterkraft verbessert.

Integration im Liegen: Rotation als Regulation

Liegende Drehhaltungen wirken weniger kräftigend, dafür stark regulierend.
Sie:

  • reduzieren Tonus im Nervensystem
  • verbessern die Atemverteilung im Brustraum
  • ermöglichen fasziale Entlastung im Schultergürtel

Gerade nach intensiver Arbeit im Stehen helfen sie, um neue Bewegungsmuster zu integrieren.

Jetzt umsetzen: Supta Matsyendrasana (Liegende Drehung) mit Fokus auf die Brustöffnung

  • Lege dich auf den Rücken
  • ziehe ein Knie zur Brust und führe es zur gegenüberliegenden Seite zum Boden.
  • Öffne den Gegenarm auf Schulterhöhe. Handfläche zeigt nach oben.
  • Schiebe das Becken der gedrehten Seite aktiv von dir weg.
  • Atme tief in den Brustraum ein.
Dehnt die Brustmuskulatur und die vordere Schulterkette. Besonders auf der rechten Seite halten wir aufgrund des oben genannten Rechtsdominanz (BC-Patterns) mehr Spannung an der Brustkorb Vorderseite, weshalb hier oft länger verweilt wird.

Fazit: Schultermobilität ist ein Ganzkörperprozess

Bewegliche, schmerzfreie Schultern entstehen nicht durch isolierte Schulterübungen.
Sie sind das Ergebnis von:

  • rotierfähiger Wirbelsäule
  • beweglichem Brustkorb
  • klarer Rumpfstabilität
  • koordinierter Hand- und Armarbeit
  • regulierter Atmung

Drehhaltungen verbinden all diese Ebenen – anatomisch, biomechanisch und neurologisch. Baue gerne auch mehr Drehungen in deinen Alltag ein und du wirst den Unterschied spüren.

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