Wie öffnest du deinen Brustkorb im Yoga für eine freiere Atmung?
Den Brustkorb öffnen heißt im Yoga, dass er sich beim Atmen wieder rundum ausdehnen kann, nach vorne, zur Seite und nach hinten. Der Weg dorthin führt über eine vollständige Ausatmung und die Mobilisierung des gesamten Brustkorbs, nicht über eine reine Dehnung der Brustkorbvorderseite. Nur wenn die Rippen frei beweglich sind, findet das Zwerchfell eine gute Ausgangsposition, und der Brustkorb öffnet sich mit jedem Atemzug fast von selbst. Genau dafür zeige ich dir drei Übungen zur Brustöffnung aus meiner NBM-Yoga-Stunde.
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Die verbreitete Falle der erzwungenen Brustöffnung
In vielen Yogastunden wird Brustöffnung mit der Dehnung der Brustkorbvorderseite und dem Zurückrollen der Schultern verbunden. Das fühlt sich im ersten Moment für die meisten von uns gut und richtig an. Doch leider führt es oft nur zu mehr Spannung im oberen Rücken und Nacken und unbewusst ins Hohlkreuz. Die eigentlichen Ursachen für nach vorne gerollte Schultern und Verspannungen liegen aber in einer Kombination aus Brust-, Hals-, Nacken- und Armbereich. Für eine wirksame Brustöffnung müssen sie gemeinsam betrachtet werden.
Häufig wird zum Beispiel übersehen, dass nicht der große Brustmuskel, der Pectoralis major, das Schulterblatt nach vorne kippt. Er setzt am Oberarm an. Maßgeblich beteiligt ist ein verspannter kleiner Brustmuskel, der Pectoralis minor, der die oberen Rippen mit dem Schulterblatt verbindet. Ein häufiger Grund für seine Spannung sind Rippen, die sich beim Atmen zu wenig bewegen. Dann hilft er als Atemhilfsmuskel mit, die Rippen anzuheben. Wenn du nur die Schulterblätter nach hinten rollst, kämpfst du gegen seinen Zug an, anstatt die fehlende Rippenbewegung anzugehen. Echte Beweglichkeit im Brustkorb entsteht anders. Sie braucht vor allem Rippen, die sich in alle Richtungen bewegen: nach vorne, zur Seite, nach hinten, nach oben und nach unten. Nur ein beweglicher Brustkorb ist ein offener Brustkorb und erlaubt den Schultern, sich frei auf dem hinteren Brustkorb zu bewegen.
Warum die Ausatmung den Brustkorb wirklich beweglich macht
Dein wichtigster Atemmuskel ist das Zwerchfell, ein kuppelförmiger Muskel zwischen Brust- und Bauchraum. Wie gut es arbeitet, hängt direkt von der Position deiner unteren Rippen ab.
Stehen die unteren Rippen vorne heraus, verliert das Zwerchfell seine günstige Arbeitsposition. Das passiert bei vielen Rückbeugen, bei klassischen Brustöffnern wie dem Fisch oder dem Kamel und bei vielen Menschen schon im normalen Stehen aufgrund ungünstiger Körperhaltung. Das Postural Restoration Institute (PRI) nennt diese wichtige Kontaktfläche die Zone of Apposition (ZOA). Das ist die Fläche, an der die Kuppel des Zwerchfells innen an den unteren Rippen anliegt. Ist diese Fläche klein, arbeitet dein wichtigster Atemmuskel nicht mehr gut.
Eine vollständige, sanfte Ausatmung aktiviert deine tiefen und schrägen Bauchmuskeln. Dein Bauchnabel zieht dabei nach hinten und oben. Das schiebt das Zwerchfell nach oben, es gewinnt seine Kuppelform zurück. Gleichzeitig ziehen die schrägen Bauchmuskeln die unteren Rippen nach hinten und unten, der untere Brustkorb wird schmaler. Viele erwarten es andersherum: Beim Ausatmen bewegt sich das Zwerchfell nach oben, nicht nach unten. Erst dann kann sich der Brustkorb bei der nächsten Einatmung wirklich in alle Richtungen ausdehnen, nicht nur nach vorne. Die Luft erreicht auch die oft vernachlässigten Bereiche wie den hinteren und seitlichen Brustkorb. Mehr dazu im Artikel zur Zone of Apposition (ZOA).
Drei Brustöffner-Übungen aus dem Yoga
Im Alltag ist nicht die Theorie für uns wichtig, sondern wir möchten Veränderungen in der Praxis erreichen. Die folgenden drei Übungen bauen aufeinander auf: erst die Rippen spüren und bewusst bewegen, dann die Schultern mobilisieren mit Fokus auf die Rippenposition und zum Schluss die Brustkorbvorderseite öffnen. Für mehr Übungen und alle Details nutze das Video der gesamten Yogastunde.
Übung: Sitzende Zwerchfellatmung mit Seitenvergleich
Hier spürst du, was der Abschnitt zur Ausatmung beschreibt. Du findest heraus, in welche Richtung und auf welcher Seite bei dir wenig Bewegung ankommt.

- Setz dich bequem und aufrecht hin.
- Mit der Einatmung weiten sich die unteren Rippen, vor allem zur Seite, aber auch nach vorne und nach hinten. Mit der Ausatmung ziehen sie sich wieder zusammen.
- Nimm zuerst ein paar tiefe Atemzüge und übertreib die Bewegung anfangs ruhig. Am Ende der Ausatmung aktivieren sich die Bauchmuskeln ein wenig. Der Bauchnabel zieht nach hinten und oben, das Zwerchfell steigt nach oben, und die unteren Rippen bewegen sich nach hinten und unten.
- Atme dann sanfter weiter und vergleiche links und rechts. Bekommt eine Seite weniger Atmung, bring deine Aufmerksamkeit dorthin. Ändere nichts an der Muskulatur, arbeite nur mit der Vorstellung.
- Beobachte, ob sich die Rippen nach vorne, zur Seite oder nach hinten bewegen und welche Richtung kaum stattfindet. Häufig fehlt die Ausweitung nach hinten.
- Atme bewusst genau dorthin, wo du bisher wenig Bewegung gespürt hast.
- Direkt zur Übung im Video
Biomechanische Begründung: Die vollständige Ausatmung bringt das Zwerchfell nach oben und die unteren Rippen nach hinten und unten, die ZOA kann größer werden. Der Seitenvergleich zeigt dir, wo dein Brustkorb noch wenig beweglich ist.
Übung: Gurt über dem Kopf, halten am ersten Widerstand
Diese Übung ist das Gegenstück zur Falle vom Anfang. Deine Schultern bewegen sich nach hinten, aber der Brustkorb schiebt sich nicht nach vorne. So dehnst du nicht nur den Pectoralis major, sondern auch den Pectoralis minor. Die unteren Rippen bleiben hinten, so wie du es in der ersten Übung gespürt hast.

- Stell dich hin und nimm den Gurt mit beiden Händen. Ist er sehr lang, nimm ihn doppelt.
- Führe den Gurt nach oben und die Arme ein kleines Stück nach hinten, bis zu dem Moment, in dem es zu stoppen beginnt. Dort bleibst du und hältst.
- Bring die unteren Rippen nach hinten und zieh den Bauchnabel ein und nach oben.
- Versuche, die Schultern noch ein kleines bisschen nach hinten unten zu bringen, ohne dich mit dem Brustkorb nach vorne zu schieben.
- Geh dann noch höchstens zwei bis drei Zentimeter weiter. Hier wird es vermutlich herausfordernd, die Position zu halten. Wird es das nicht, greife den Gurt kürzer und beginne noch einmal.
- In einer zweiten Runde darfst du die Knie leicht beugen und eine leichte Rundung im Oberkörper suchen, bevor du die Arme weiter nach hinten nimmst, um das Zurücknehmen der unteren Rippen bewusst zu übertreiben.
- Direkt zur Übung im Video
Biomechanische Begründung: Die Schulterblätter gleiten auf dem Brustkorb und kippen beim Armheben nach hinten, während die Rumpfmuskulatur die unteren Rippen hinten hält. So werden die Schultern beweglich, ohne Hohlkreuz, und der Pectoralis minor, der das Schulterblatt nach vorne kippt, kann gedehnt werden.
Übung: Brustöffnung auf Blöcken
Diese Übung erinnert an den Fisch. Der Unterschied liegt im Becken. Du kippst es bewusst nach hinten, damit der untere Rücken lang bleibt und die unteren Rippen nicht nach vorne herausstehen. So öffnet sich die Brustkorbvorderseite, indem der Bereich zwischen den einzelnen Rippen gedehnt wird.

- Sanfte Variante: Leg dich mit dem oberen Rücken auf ein Kissen und öffne die Arme entspannt zur Seite.
- Intensivere Variante: Stell zwei Blöcke auf der zweiten Höhe in eine Linie. Leg dich so ab, dass der erste Block gegenüber vom Beginn des Brustbeins liegt, also dort, wo der Rippenbogen auf das untere Ende des Brustbeins trifft.
- Kippe das Becken nach hinten, sodass der untere Rücken lang ist. Bevor du den Kopf ablegst, schieb ein Kissen darunter.
- Leg die Arme zur Seite, gerne oberhalb von 90 Grad, falls möglich, oder verschränke sie über dem Kopf und greife die gegenüberliegenden Ellbogen. Wenn du magst, zieh mit den Fingern die Haut von den Achseln Richtung Ellbogen.
- Schließ die Augen und beobachte, ob du links und rechts gleichmäßig atmest. Wenn nicht, atme bewusst in die Seite, wo du weniger Atmung oder Ausweitung der Rippen spürst.
- Hast du die Arme über dem Kopf verschränkt, wechsle auch einmal die Verschränkung.
- Direkt zur Übung im Video
Biomechanische Begründung: Das nach hinten gekippte Becken hält den unteren Rücken lang, die Öffnung kommt im oberen Rücken und in den Achseln an. Wie auf dem Bild zu sehen ist, wird das Herausschieben der unteren Rippen minimiert, um die Öffnung zwischen den einzelnen Rippen im gesamten Brustkorb zu fördern, statt nur die Öffnung der untersten Rippen.
Eine echte Brustöffnung ist also eine 360-Grad-Öffnung. Sie entsteht aus einer guten Abstimmung von Atmung, Rumpfkontrolle und gezielter Bewegung.
Wenn du diese Übungen in einer ganzen Stunde üben möchtest, lade ich dich herzlich zu dieser Einzelstunde Yoga für Aufrichtung und freie Atmung: Brustkorb und Schultern mobilisieren ein. Falls dich andere Themen beschäftigen, schau auch gerne in der Yoga-Bibliothek vorbei oder kontaktiere mich für mehr Informationen.
Häufige Fragen
Wie kann ich meinen Brustkorb öffnen?
Das Öffnen des Brustkorbes gelingt am besten über eine vollständige Ausatmung. Sie bringt die unteren Rippen in eine gute Ausgangsposition. Bei der Einatmung dehnt sich der Brustkorb dann rundum aus, nach vorne, zur Seite und nach hinten. Brustöffnung muss immer in alle Richtungen stattfinden.
Welche Yoga-Übungen öffnen den Brustkorb?
Gut geeignet sind Übungen, die Atmung, Schulterbeweglichkeit und eine sanfte Öffnung im oberen Rücken verbinden, sowie Übungen, die die Beweglichkeit aller Rippen fördern, nicht nur der untersten. Dazu gehören die bewusste Zwerchfellatmung, Schulterübungen mit dem Gurt und zum Beispiel eine Brustöffnung auf Blöcken mit nach hinten gekipptem Becken. Wichtig ist immer, dass die unteren Rippen dabei nicht stärker als der Rest des Brustkorbs vorne herausstehen. Weitere Ideen findest du in drei zusätzlichen Yoga-Übungen für die Brustöffnung.
Was bringt eine Brustöffnung für die Atmung?
Ein beweglicher Brustkorb lässt das Zwerchfell gut arbeiten. Die Atmung kann tiefer werden und erreicht auch den hinteren und seitlichen Brustkorb. Dadurch kann die Mobilität des gesamten Oberkörpers indirekt gefördert werden.
Kann ich den Brustkorb auch im Stand öffnen?
Ja, eine Brustöffnung im Stand ist gut möglich und alltagstauglich. Eine einfache Übung ist der Gurt über dem Kopf, bei dem du am ersten Widerstand hältst. Der Schlüssel ist, die unteren Rippen hinten zu halten, damit du nicht ins Hohlkreuz ausweichst und die Brust nicht nach vorne schiebst.
Warum stehen bei Rückbeugen die unteren Rippen oft vorne heraus?
Das passiert, wenn die Bauchmuskeln den Brustkorb nicht ausreichend halten, während die Rückenstrecker arbeiten. Dann verliert das Zwerchfell seine günstige Position für eine gesunde Atmung, die Zone of Apposition (ZOA), also die Fläche, an der es innen an den unteren Rippen anliegt. Mehr dazu im Artikel Warum stehen deine unteren Rippen vorne hervor?
Quellen
- Lee, D. (2018). The Thorax: An Integrated Approach. Diane G. Lee Physiotherapist Corp., 4. Auflage.
- Hruska, R. (2022). Postural Respiration. Postural Restoration Institute, Course Workbook. https://www.posturalrestoration.com/courses/postural-respiration
- Waldron, J. L., McKenney, M. A., Samuel, M. N. et al. (2020). The Use of Postural Restoration for the Treatment of Chronic Rotator Cuff Pathology: A Case Report. International Journal of Sports Physical Therapy, 15(5), 832-839. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7575158/
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